Die Werftgeschichte

Im Jahre 1911 baute Paul Rathje im Alter von 21 Jahren sein erstes Boot. Bauplatz war damals die Fritz-Reuter-Str. 1, zu Wasser gelassen wurde das Boot am Priester Strand.

Dies war insofern bemerkenswert, als Paul Rathje ursprünglich Fischräuchermeister war und auf dem Grundstück in der Fritz-Reuter-Straße 16 in Kiel-Pries eine Fischräucherei betrieb.

Neben dieser Arbeit brachte er sich selbst den Bau von Booten bei und legte 1920 auch in diesem Handwerk die Meisterprüfung ab.

Firmengründer Paul Rathje

Firmengründer Paul Rathje

Am 22. September 1922 wurde die Bootswerft Paul Rathje offiziell gegründet und eingetragen, der Bau von Schiffen und Booten hatte jedoch schon Jahre vorher begonnen.

Dass die offizielle Eintragung der Werft erst 1922 erfolgte, hängt wahrscheinlich mit der Eingemeindung des Ortes Pries in die Stadt Kiel im selben Jahr zusammen. Damals befand sich auf dem Werftgelände am Strand nur das heute noch erhaltene Fachwerkgebäude. Zuerst wurden ein zusätzlicher Holzschuppen für den Neubau von Booten sowie eine Slipanlage gebaut, damit die Boote zu Wasser gelassen werden konnten.

Die Winde der Slipanlage wurde damals noch mit Muskelkraft betrieben, und wenn für die Bedienung der Winde noch zusätzliche Arbeitskraft benötigt wurde, so wurden einige Arbeitslose, die draußen vor der Schuppentür saßen, hereingebeten. Sie packten dann mit an, bis das Boot an Land war und erhielten alt Entgelt eine Flasche Bier.

Eureka erstes Boot der Rathje Werft

Die „Eureka“, das erste Boot der Rathje Werft

Wie in einem kleinen Familienbetrieb üblich, wurden damals noch alle Büroarbeiten von der Ehefrau Margarethe Rathje erledigt. Schon kurz nach der offiziellen Gründung des Betriebes wurde der erste Lehrling eingestellt.

Bis zum Anfang der 30er Jahre wurden neben einigen Segelbooten hauptsächlich Motorboote gebaut. Die Auftraggeber kamen aus Kiel, Mönkeberg, Danzig, Hamburg, Schweden, Dänemark und Holland.

Ein ganz besonderes Ereignis in der Firmenchronik stellte der Stapellauf des Verkehrsbootes „Luise“ im Jahr 1930 dar, das für die „Fünf-Seen-Fahrt“ in der Holsteinischen Schweiz bestimmt war. Mit ihren 20 Metern Länge wurde sie nach dem Stapellauf auf einem Kesselwagen, der von vier Pferden gezogen wurde, auf der Straße von Pries bis zur Anlegestelle bei Plön transportiert.

Für diesen ungewöhnlichen Transport mitten in den engen Straßen von Preetz (damals gab es die Durchgangsstraße noch nicht) mussten teilweise die Straßenlaternen abmontiert werden, damit das Schiff passieren konnte. Als die „Luise“ dann im Plöner See zu Wasser gelassen wurde, musste schließlich noch ein Baum abgesägt werden. Die „Luise“ versah dann lange Jahre ihre Fahrten auf den holsteinischen Seen.

1930 läuft die Luise vom Stapel, ein Verkehrsboot für die "Fünf-Seen-Fahrt" in der Holsteinischen Schweiz

1930 läuft die Luise vom Stapel, ein Verkehrsboot für die „Fünf-Seen-Fahrt“ in der Holsteinischen Schweiz

Besonders in den 30er Jahren wurden im Auftrag der damaligen Reichsmarine mehrere 50er Seefahrtskreuzer gebaut. Zusätzlich entstanden weiterhin zahlreiche Motorboote, nur ein kleiner Teil des Geschäfts bestand aus Reparaturaufträgen. Während des Krieges wurden ausschließlich Kutter und Pinassen im Auftrag der Marine gebaut. In dieser Zeit beschäftigte die Werft immer 12 bis 15 Bootsbauer und Arbeiter, davon war jeweils pro Lehrjahr ein Bootsbaulehrling.

Stapellauf des Seefahrtkreuzers "Seeräuber" für die Marine. Die "Seeräuber" wurde nach dem Krieg von den Engländern beschlagnahmt und fand in Großbritannien einen neuen Liebhaber

Stapellauf des Seefahrtkreuzers „Seeräuber“ für die Marine. Die „Seeräuber“ wurde nach dem Krieg von den Engländern beschlagnahmt und fand in Großbritannien einen neuen Liebhaber

Nach dem Krieg wurde der Neubau von Booten fortgesetzt, nun wurden hautsächlich Segelboote und auch kleinere Fischkutter gebaut. Seit 1945 bestanden gute Beziehungen zu dem der Werft unmittelbar benachbarten British Kiel Yacht Club. Gleich nach Kriegsende wurden 20 Scharpies für den Club gebaut. Bis zu der Schließung des britischen Ausbildungsstützpunktes im August 2016 wurden regelmäßig zahlreiche Aufträge an die Werft vergeben.

ehemaliges Flugsicherungsboot

Ein ehemaliges Flugsicherungsboot, das die Werft 1947 für den eigenen Gebrauch umbaute und mit einem Junkers 20-PS-Motor ausrüstete.

Mit dem Aufbau der Bundesmarine Ende der 50er Jahre erfolgten auch Aufträge für den Bau von Pinassen. Eines dieser Boote, die „V 6“, war bis Ende der 90er Jahre als Boot des Hafenmeisters von Eckernförde im Dienst. Ebenfalls in diese Zeit fällt der Aufbau der werfteigenen Motorenwerkstatt. Bis dahin waren die Arbeiten an Motoren von der Firma Gebr. Friedrich, deren Werkstatt sich damals noch mit auf dem Werftgelände befand, ausgeführt worden.

Der Firmengründer Wille Friedrich war übrigens mit der ältesten Schwester von Paul Rathje verheiratet.

Nach und nach wurden die betrieblichen Anlagen erheblich erweitert. Das begann in den 50er Jahren mit einer zweiten Slipanlage, die mit einer motorgetriebenen Winde ausgestattet wurde. Der alte Schuppen wurde neu aufgebaut und bald kam eine dritte Slipanlage mit 200t Tragkraft hinzu.

Ansicht des Werftgeländes Anfang der 50er Jahre

Ansicht des Werftgeländes Anfang der 50er Jahre

Im Jahre 1960 verstarb Paul Rathje im Alter von 70 Jahren. Sein Sohn Erich Rathje übernahm die Leitung der Werft und wurde neuer Inhaber. Er hatte im väterlichen Betrieb seine Lehre absolviert, dann als Geselle gearbeitet und im Jahre 1952 die Meisterprüfung im Bootsbauerhandwerk abgelegt.

Unter der Leitung von Erich Rathje wurde der Betrieb entscheidend erweitert: Das bis dahin gepachtete Betriebsgelände wurde gekauft, es wurden neue Hallen gebaut und das Areal wurde durch Landgewinnung erheblich vergrößert.

Werftchef der zweiten Generation: Erich Rathje

Werftchef der zweiten Generation: Erich Rathje

Infolge der ersten Aktion 1960 konnte der Stadt Kiel später die Fläche für die Anlage einer Zufahrtsstraße zur Stickenhörnmole – übrigens trotz der vorher entstandenen hohen Kosten unentgeltlich – von Erich Rathje zur Verfügung gestellt werden.

Auch später wurden immer wieder Spundwände gerammt und Landaufschüttungen vorgenommen, mit dem Ergebnis, dass das Betriebsgelände heute fast doppelt so groß ist wie 1922.

Stapellauf des aus Mahagoni gebauten Seekreuzers "Jan Mayen"

Im Jahre 1977 wurde der 30-t Kran angeschafft. Eine Investition, die eine entscheidende Neuerung darstellte, da Yachten und Motorboote bis knapp 25 Tonnen nun unabhängig von der Slip aus dem Wasser genommen werden konnten und damit die Kapazität für das Auslandnehmen von Booten erheblich erweitert wurde.

Heute ist der Kran aus dem Werftbetrieb gar nicht mehr wegzudenken.

Im Laufe der Jahre wurde das Reparaturgeschäft verstärkt betrieben. Obwohl die Neubauaufträge für Boote in klassischer Holzbauweise stark rückläufig waren, weil einerseits die Fischerei zurückging und andererseits Kunststoffboote die Holzboote teilweise ersetzten, so wurden doch auch immer wieder Segelyachten aus Holz auf Stapel gelegt. In den 60er und 70er Jahren wurden vor allem Folke-Junior und Mahagoni-Segelyachten gebaut.

Seit dem 60er Jahren sind immer durchschnittlich 25 bis 30 Beschäftigte im Betrieb tätig, davon pro Lehrjahr jeweils zwei bis drei Lehrlinge.

Am 1. Juni 1977 trat der Sohn Klaus Rathje in die Firma ein. Er war schon seit seiner Kindheit mit dem Werftgelände bestens vertraut. Zur hatte er seinen Wehrdienst abgeleistet, Maschinenbau und Kerntechnik studiert und im Anschluss daran als Ingenieur im U-Bootbau bei den Howaldtswerken gearbeitet.

Werftchef von 1990-1991: Klaus Rathje

Werftchef von 1990-1991: Klaus Rathje

In der Zeit seiner Betriebszugehörigkeit fallen weitere Modernisierungen und Erweiterungen: Auf seine Initiative wurden zwei weitere Hallen gebaut, die Brücken wesentlich vergrößert und die Yachtliegeplätze angelegt.

1982 wurden vier Mitarbeiter von der Wasserbaufirma August Runge übernommen. Gleichzeitig wurde auch eine Ramme gekauft, so dass die Werft seitdem auch wasserbauliche Rammarbeiten ausführen konnte, z.B. in den Sportboothäfen der Stadt Kiel.

Ebenfalls 1982 lief die 13-Meter-Ketch „Johanna“ vom Stapel – eine Segelyacht, die seinerzeit in der maritimen Fachpresse viel Beachtung fand.

Bau der Segelyacht Johanna

Bau der 13-Meter-Ketch „Johanna“

Ein ungewöhnliches Neubauprojekt, das auf der Rathje Werft realisiert wurde, war der originalgetreue Nachbau der Bremer Hansekogge. Mit dem damaligen Leiter des Kieler Arbeitsamtes, Herrn Dr. Koglin und mit Herrn Esselsgroth, Chef des gleichnamigen Kieler Holzhandelsbetriebes, war zunächst über die Möglichkeit der Durchführung des Nachbaus eines historischen Schiffes zur Beschäftigung arbeitsloser Jugendlicher gesprochen worden. Man einigte sich dann auf den originalgetreuen Nachbau der Bremer Hansekogge.

Zahlreiche arbeitslose Jugendliche und ältere Arbeitslose erhielten die Möglichkeit, daran mitzuarbeiten oder sich als Bootsbauer ausbilden zu lassen.

Stapellauf der Kieler Hansekogge

23,23 Meter lang, 7,78 m breit – mit diesen beeindruckende Dimensionen war der Neubau eine Sensation in der maritimen Welt. In der eigens für diesen Neubau errichteten neuen Werfthalle wurden insgesamt 56 Kubikmeter Eichenholz während der vier Jahre dauernden Bauzeit verbaut. Die Kiellegung erfolgte 1987, die Indienststellung und erste Segelversuche des einmastigen Rahsegels, vorerst ohne Hilfsmaschine, schließlich 1991.

Erst im Februar 1995 wurde die „Hansekogge“ mit einem eigenen Antrieb nachgerüstet. Dazu wurden zwei Pump-Jets der Firma Schottel sowie zwei Volvo Penta Motoren mit jeweils 95kW Leistung in das Schiff eingebaut. Äußerst präzise Arbeiten waren nötig, um die zwei großen Öffnungen – mit 90 Zentimetern Durchmesser im Vergleich zur Schiffsgröße ungewöhnlich groß – für die Pump-Jets in den Rumpf zu schneiden.

Nachdem diese paßgenau eingesetzt und der Schiffsrumpf damit wieder geschlossen worden war, folgten die Konstruktion und der Einbau der Motorenfundamente mit allen erforderlichen schiffbaulichen Nebenarbeiten.

Schon Mitte 1995 wurde die erste Probefahrt mit dem außergewöhnlichen Antrieb erfolgreich durchgeführt.

Ab 1990 war Klaus Rathje auch als Geschäftsführer tätig. Leider verstarb er völlig überraschend im Alter von nur 44 Jahren.

Der Werftbetrieb sollte nach dem Tod von Klaus Rathje als Familienbetrieb fortgeführt werden. Daher wurde seine Schwester Edith Vonhoff, die seit 1987 der Werft angehört, 1992 zur Geschäftsführerin bestellt.

Betrachtet man die betriebliche Tätigkeit der Werft von den Anfängen bis Ende der 1990er Jahre, so wird deutlich, dass der Schwerpunkt der Werfttätigkeit immer der Holzbootsbau gewesen war. Das Fachwissen der Mitarbeiter über den Holzbootsbau in all seinen Varianten ist auch heute mehr denn je gefragt. So wurde die Yacht- und Bootswerft Rathje in den 1990er Jahren auch immer wieder mit Umbauarbeiten auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ betraut.

Um der Nachfrage und der Entwicklung auf dem Yachtmarkt gerecht zu werden, wurden die Mitarbeiter neben dem Holzbootsbau zusätzlich auch für Arbeiten mit Stahl, GFK- und Aluminiumrümpfen fortgebildet.

Haben die Aufträge der Bundesmarine in den 1990er Jahren zwei Drittel der Umsätze ausgemacht, so hatte sich dieser Anteil im Jahr 2000 auf circa 30 % verringert. Seitdem wurde verstärkt auf dem die Dienstleistung an den Yachten von Privatkunden gesetzt. Das Leistungsspektrum umfasst sämtliche Instandsetzungsarbeiten von Arbeiten am Rumpf, Innenausbau, Installation technischer Anlage und Instandsetzung und Erneuerung von Antriebsanlagen, sowie Pflege- und Wartungsarbeiten. Der Neubau von Segelyachten aus Holz kommt immer seltener zur Ausführung.

Ergänzend zum Reparaturgeschäft  werden die Hallen und ein Großteil des übrigen Werftgeländes im Winter für die Einlagerung von Booten genutzt. An den zwei vorhandenen Werftbrücken konnten Boote zwischen 10 m und 22 m Länge liegen.